Sonderbar (Auszug)
Sonderbar. Heute ist doch Sonntag. Aber wie von Geisterhand kommt dieser weiße Brief durch das geöffnete Fenster geflogen, flattert wie ein junger Vogel über meinen Kopf hinweg, um danach in Zeitlupe direkt auf der Teetasse zu landen. Grüner Dampf zieht wie eine Beschwörungsformel gespenstische Kreise um sich, zischelt fauchend an den Seiten empor. Ein schwarzer Rand erscheint auf dem Umschlag, lässt das Weiß des Porzellans wie italienischer Marmor glänzen. Die Luft ist sonderbar still, als atme die Welt kaum noch. Nur vom westlichen Horizont ist murmelndes Donnergrollen zu hören, als lauere hinter Büschen und Feldern eine unbekannte Gottheit.
Vorsichtig ziehe ich mit Fingerspitzen die Post vom kleinen Hexenkessel. Sofort geht das murmelnde Donnergrollen in ein sanftes Rauschen über, kurz, wie ein Streicheln fährt ein warmer Luftzug an mir vorbei, verfängt sich im losen Haar. Weder eine Anschrift noch eine Adresse schmücken das sonderbare Kuvert. Ohne weiter nachzudenken, reiße ich mit einem geräuschvollen Knistern den Umschlag auf. Ein silberner Bogen mit verzierten Ornamenten kommt zum Vorschein, liegt wie Geschmeide in meinen Händen. In schnörkeliger Schrift tanzen die Buchstaben durcheinander, purzeln vor meinem Auge hin und her, bis sie sich brav aneinander reihen und sich ordentlich zur Schau stellen. In tief-melancholischer Weise werde ich zu einer Beerdigung mit anschließender Feier eingeladen. Heimgegangen hin zum lieben Gott, sitzend neben seinem goldenen Throne - Ich! - Wer? - Ich? Schnell überfliege ich noch einmal diese geisterhaften Buchstaben, drehe gewissenhaft das Kuvert in sämtliche Richtungen und Stellungen, aber, es ändert sich nichts.
Ich werde heute beerdigt, daraufhin wird zur traditionellen Raue eingeladen. Das Fest für die Toten - der Leichenschmaus. Das heißt, kommt mir vorsichtig der Gedanke, vorher muss ich also gestorben sein, oder habe ich irgend etwas in der Abfolge des Lebens falsch begriffen? Dem eigenen Tod geht wohl das eigene Leben voraus, aber es ist schon sonderbar, wie still und unbemerkt manche Katastrophen sich vollziehen. Was wäre auch dies bisschen Leben ohne Sterben; und, wie kann dies geschenkte Leben überhaupt begriffen werden, ohne etwas über den Tod wissen zu wollen? Normalerweise erschrickt mich der Tod nicht. An manchen Tagen erschien er mir als ruhiger Hafen, das Endziel einer langen beschwerlichen Reise, begleitet von sonnigen Zeiten, aber auch von Düsternis und Hoffnungslosigkeit. Nur kann ich mich gerade nicht daran erinnern, gestorben zu sein.