"Wenn das der Führer sähe..."

Beitrag des hessischen Rundfunks vom 14.03.2015

Kultur-Feature-Beitrag des hessischen Rundfunks zur Leipziger Buchmesse vom 14.03.2015: Moderator Jan Tussing im Gespräch mit Jacqueline Roussety und ihrem Verleger Robert Merkel.



Pressemitteilung zu "Wenn das der Fhrer she...":Autorin Jacqueline Roussety

Zeitgeschichte, die in die Zeit passt
Roussety ist auf der Leipziger Buchmesse mit ihrem wissenschaftlich-literarischen Doku-Roman „Wenn das der Führer sähe…“ vertreten und beschreibt in schonungsloser Offenheit, wie 1939 eine ganze Generation in den Weltkrieg teilweide ziehen wollte, teilweise musste und welche Auswirkungen der Faschismus auf Familienstrukturen bis heute hat.
Die Autorin stellt den Lebenslauf des Marinesoldaten Walter Grögers und seiner Familie vor. Akribisch genau verfolgt sie die Jahre zwischen 1932 bis 1945. Hier legte sie den Fokus auf die Auswirkungen der nationalsozialistischen Ideologien, insbesondere auf Kinder und Jugendliche. Mit ihrem Doku-Roman versucht sie die persönliche Seite eines jungen Menschen aufzuzeigen, der nach einer Anfangseuphorie dem Krieg entkommen wollte und dafür vor dem Kriegsgericht landete. Walter Gröger wurde in den letzten Kriegsmonaten durch ein Urteil wegen angeblicher Fahnenflucht hingerichtet. Als Vertreter der Anklage fungierte der spätere Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, Dr. Hans Karl Filbinger. Er bestätigte während des Verfahrens das Todesurteil und setzte sich auch als Leitender Offizier für die Vollstreckung ein.
Für den einen zieht es 1978 eine politische Affäre und den Rücktritt vom Staatsamt nach sich, für den anderen bedeutet es einen viel zu frühen Tod – unterschiedlicher können Lebenswege nicht verlaufen. In dem letzten Kapitel „1978“ wird der Fall Filbinger/Gröger aufgerollt und verdeutlicht, welche Macht die Medien besaßen um den Politiker zu Fall zu bringen.
Jacqueline Roussety will deutlich machen, wie die Auswirkungen seiner Verurteilung, seiner Hinrichtung auf die Familie bis heute anhalten. Die unterschiedlichsten Reaktionen wie Scham, Wut, Anklage und Schweigen führten zu einem bis heute anhaltenden Trauma in der Familie.



"Wenn das der Fhrer she..." - Von der Normalität in den Abgrund des Krieges + Buchauszüge

von Renate Lilge-Stodieck, Freitag, 13. März 2015 00:00

Mit einem wahren Hammerschlag – einem Hitler-Zitat – beginnt die Autorin Jacqueline Roussety ihr Buch „Wenn das der Führer sähe“, das heute als eBook anlässlich der Buchmesse in Leipzig vom frankly Verlag freigeschaltet wird.

Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muss weggehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. Jugend muss das alles sein. Schmerzen muss sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. Das freie, herrliche Raubtier muss erst wieder aus ihren Augen blitzen. Stark und schön will ich meine Jugend. So kann ich das Neue schaffen. Adolf Hitler

So weit, so schrecklich. – In ihrem Buch zeichnet die Autorin das Leben des Marinesoldaten Walter Gröger (1922–1945) nach. Walter Gröger wurde in den letzten Kriegsmonaten durch ein Urteil wegen angeblicher Fahnenflucht hingerichtet. Als Vertreter der Anklage fungierte der spätere Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, Dr. Hans Karl Filbinger. Er bestätigte während des Verfahrens das Todesurteil und setzte sich auch als Leitender Offizier für die Vollstreckung ein.

Nach wenigen Zeilen spürt man schon, dass die Geschichte vom Leben und Sterben des Walter Gröger, welches die Autorin in Form eines historisch dokumentarischen Romans aufblättert, uns etwas angeht. Uns Deutsche und uns Nicht-Deutsche, die sich und andere verstehen wollen. Und nach wenigen Seiten entscheidet man schon, ob man diesen Blick auf die Entwicklung eines Schicksals vertiefen oder abwenden möchte.

Für die Kriegskinder und die Kriegsenkel
Deshalb möchte ich die Autorin weitgehend selbst zu Worte kommen lassen (Interview von 2014), denn es geht um ihr Anliegen und um die Frage ob wir es auch zu unserem machen wollen oder können.

Wir leben in einer Zeit, in der man schon wieder über Kriege redet und sie auch führt, als wären sie unvermeidlich. Und wir wollen immer noch nicht wahrhaben, wie lange die Wunden zweier Weltkriege in den Familien nachwirken oder bei Gelegenheit zur politischen Erpressung genutzt werden. Sind wir es nicht den Enkeln schuldig? Den Kriegsenkeln?
Eine bessere Begleiterin in diese deutsche Vergangenheit als Jacqueline Roussety wird man schwerlich finden. Ihre berührende aber klare Mischung aus Selbstreflexion, Betrachtung und Berichterstattung ohne Sensationsgier oder Larmoyanz, sucht ihresgleichen. Es ist, als hörte man sie sprechen und mit ihr und durch sie alle Gestalten, die in dem Buch erscheinen.

Lesen Sie selbst, zitiert aus dem zweiten Kapitel:
„Im Nachhinein sehen nicht nur die Historiker, sondern die gesamte Öffentlichkeit glasklar: Was dieses System anrichtete, gerade in den Familien und im Alltag, mündete „zwangsläufig“ in einen Jahrhundertkrieg mit mehr als 60 Millionen Todesopfern. …“
„Ich griff nun unter diesen 60 Millionen einen heraus, einen jungen Menschen, der eine Vergangenheit hatte, aber keine Zukunft bekam. Walter Gröger. Ein Sandkorn der Geschichte, so dachte ich mir. Demgegenüber stand ein Mann, der 93 Jahre alt werden durfte, immer gut gelebt hat, immer genügend Geld besaß, ohne Unterbrechung in der Politik tätig war – selbst nachdem er hatte zurücktreten müssen. Die Lebensläufe von Walter Gröger (1922–1945) und Dr. Hans Karl Filbinger (1913–2007) konnten nicht unterschiedlicher sein. Ihrer beider Begegnung im März 1945 zog für den einen eine „politische Affäre“ nach sich, für den anderen bedeutete sie den frühen, aus heutiger Sicht ungerechten Tod…“
„Folgende Frage musste ich – aus politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Aspekten – klären: Was hatte letztlich zu dem Skandal geführt, der den Sturz eines der einflussreichsten Männer der Bundesrepublik Deutschland zur Folge hatte? Und persönlich wollte ich verstehen lernen, weshalb ein Volk noch Jahrzehnte nach den fatalen Terrorjahren nicht aus seinen Fehlern lernen wollte, konnte oder durfte…“
„Hinterlässt nicht jedes einzelne Opfer tiefe Spuren in den Seelen der Angehörigen? Die Zurückgebliebenen müssen mit dem Tod eines lieben Menschen weiter leben. Den eigenen Tod stirbt man bloß, den eines geliebten Menschen jedoch muss man erdulden, mit sich nehmen und tragen wie einen schweren Koffer, den Rest seines Lebens.“

Sowohl Opfer als auch Täter?
„Walter Grögers Tod hatte der ehemalige Ministerpräsident Baden-Württembergs mit verschuldet: Dr. Hans Karl Filbinger, ehemaliger Marinerichter der Wehrmachtjustiz, der in der neu gegründeten Bundesrepublik eine Spitzenkarriere bei der CDU hinlegte. Wie so viele dieser „Blutsrichter“, wie Wissenschaftler diese Schergen im Nachhinein titulierten…“
„Dieses Buch soll verständlich machen, dass das bisschen Leben, das wir geschenkt bekommen, das kostbarste Gut ist. Und das Schönste ist doch, dieses Leben mit anderen Menschen in Liebe zu teilen.“
„Vielleicht mischt sich mein eigenes Wissen über jene Zeit in die Zeilen, vielleicht ertappen aber auch Sie sich dabei, liebe Leserin, lieber Leser, dass etwas Sie sehr vertraut anmutet. Es darf ruhig die Geschichte vieler Menschen sein, die auf der Strecke eines Lebens sowohl zum Opfer als auch zum Täter geworden sind; eine Geschichte, die nicht dem Vergessen anheimfallen soll.“

Die Rezensentin wünscht diesem Buch viele Leserinnen und Leser aus allen Schichten und aus allen Altersklassen. Abrufbar ist zunächst Band 1: Die guten Jahre / 298 Seiten / € 7,49