"Wenn das der Führer sähe..."

Auszug Seite 264/265:

Mutter fuhr gerade mit dem Rad ins Dorf, als sie erstaunt die beiden alten Frauen wie besessen fortrennen sah: die eine humpelnd, die andere fluchend, wobei sie ihr Tuch, das ihr beständig von den Schultern rutschte, zusammenraffte. Mutter sofort hinterher. Von überall her gesellten sich andere aufgeregte Menschen dazu. Keiner wusste Genaueres, aber wenn die alte Anna lief, dann hatte das etwas zu bedeuten. Der Tross aufgeregter Menschen rannte den Hügel hinauf, jeder stellte die wildesten Vermutungen an. Einer aufgescheuchten Herde gleich.
Und dann stand da diese Limousine vor dem Pfarrhaus. Wie ein übles Insekt lauerte sie da, die Türen weit geöffnet, schwarz glänzend wie nasser Teer. Man konnte sich endlos, bis zur völligen Selbstauflösung darin betrachten. Staunend standen sie alle davor, betrachteten sich in dem Lack wie in einem polierten Spiegel und raunten einander zu, dass das nichts Gutes verhieß. Tatsächlich traten kurz darauf drei Männer mit finsteren Gesichtern und dunklen Ledermänteln aus dem Pfarrhaus. In ihrer Mitte der Pfarrer.
„Was glaubt ihr, wer ihr seid?“, brüllte Oma. „Wie könnt ihr´s wagen, Gottes Diener auf Erden einfach wie ein Viech abzuführen!“ Sie war außer sich.
„Oma Mühe, gib Ruhe! Es wird sich sicherlich alles aufklären!“, suchte der Pfarrer sie noch zu beschwichtigen.
Allgemeines Tuscheln und Stammeln hob an, aber keiner unternahm etwas. Wie hypnotisiert starrten alle auf diese Fremden, die unheimlich aussahen in ihrer schwarzen Kluft. Und im Hintergrund stand der Hans-Karl und grinste. Überall blinkten und prangten seine Abzeichen. Der Goldfasan kostete diesen Moment seines Triumphes sichtlich aus. Und über ihm wehte die Hakenkreuzfahne im Wind.
„Der Pfarrer Klaus Bredow wird in Schutzhaft genommen, da die Gefahr besteht, dass er von seiner Freiheit Gebrauch macht und sich gegen den nationalsozialistischen Staat und seiner Einrichtungen auflehnen würde“, sprach der Goldfasan, dann knallten seine Absätze zusammen, sein rechter Arm schwang sich nach oben und er brüllte: „Heil Hitler!“
Als Oma die Hand nach dem Pfarrer ausstreckte, wurde sie von den Männern unwirsch beiseite gestoßen; so heftig, dass sie hinfiel. Mutter stürzte auf sie zu und half ihr hoch. Der alten Frau liefen Tränen über die Wangen. Sie fuchtelte mit beiden Fäusten und konnte nur stammeln. Natürlich hatte die Gemeinde geahnt, dass der Pfarrer sich mit seinen politischen Attacken um Kopf und Kragen reden würde, aber nun, da der Moment gekommen war, schmeckte die Wahrheit bitter.
Mit harter Hand demonstrierte die Macht, dass auch in diesem hintersten Winkel des Landes niemand mehr seines Lebens sicher war. Und auch wenn es sie nicht offiziell gab, Blockwarte schienen nun auch unter uns zu weilen. Wir lebten in einer weitgehend kontrollierten und durch und durch beherrschten Gesellschaft. Menschen wie dieser Hans-Karl ließen einen die Existenz von Gestapo, Folter und Zuchthaus nie ganz vergessen.

Persönliche Gedanken von Jacqueline Roussety
Es ist Jahre her, dass ich mit Johanna, der Schwester von Walter Gröger in Kontakt kam, die mir in sehr aufwühlender Weise die dramatische Geschichte ihres Bruders erzählte. Ich werde nie vergessen, was mich am meisten berührte: Dass ein alter Mensch noch nach Jahrzehnten so viel Schmerz, Wut und Trauer in sich spürte, und mir, der nicht von den Kriegsjahren betroffen ist, verdeutlicht hat, dass Kriege, weltweit, ihre lebenslangen Wunden in die Seelen einbrennen.

Es handelt sich damit auch um eine deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte und mit dem Umgang der deutschen Schuld am Beispiel einer deutsch- deutschen Familiengeschichte.
Denn die Themen 'Wehrmachtjustiz' und 'Deserteure' sind lange noch nicht aufgearbeitet und bedürfen einer breiteren Öffentlichkeit. Dabei richtet sich Roussetys Blick vor allem auf die durch die Nazis ideologisierte Jugend, die von Anfang an auf den Krieg vorbereitet wurde.

Die Sätze Filbingers, mit denen er im Nachhinein versuchte, seine Taten zu rechtfertigen, erschüttern noch heute: „Ich habe kein schlechtes Gewissen. Im Gegenteil. Ich habe ein gutes Gewissen.“ und „Was damals Rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein.“

Mit meinem Buch kann ich keine Antworten geben.

Aber die Fragen und das Nachfragen wach halten, mit diesem bewegenden, nachdenklich stimmenden Stück Zeitgeschichte.