Kiez-Poeten
Im Dezember 2007 erschien eine Anthologie mit dem Namen Kiez-Poeten, herausgegeben vom Kiezbündnis Klausenerplatz.
Phantasien einer Mutter mit kleinen Hindernissen.
Natürlich ist mein Sohn einzigartig. Natürlich. Sein kleines schiefes Grinsen - einfach herzerweichend, und wenn seine meerblauen Augen mich unschuldig von unten betrachten, zerfließt mein pochendes Mutterherz sofort. Die leicht - mein Göttergatte behauptet, heftigst - abstehenden Öhrchen lugen aus seinen blonden Haaren hervor, und zufrieden betrachte ich unser gemeinsam gelungenes Produkt. Ein Engel. Naja, das Himmelswesen ist nicht gleich erkennbar unter der Nutellaschnauze, mit eingerissenen, nicht mehr ganz so blauen Jeans, gefüllt mit dem halben Sandkasten des Kindergartens, verschmiert mit dem Mittagessen - aha, es gab heute wieder Nudeln mit Tomatensoße - das verklebte Bonbon, einfach überall, vermischt mit der Zahnpasta - er hat erstaunlicherweise die Zähne geputzt. Natürlich ist mein Sohn toll. Natürlich.
Erhobenen Hauptes gehe ich, wie so jeden Tag, in den Kindergarten, um unseren Prinzen nach Hause zu geleiten. Der Zoo kleiner wilder unzähmbarer Bestien. Mit Ausnahme meinem Engel natürlich. Natürlich. Erstaunlicherweise - ich bin noch nicht einmal in der Nähe der Anstalt - höre ich sehr deutlich, und am allerlautesten, meinen zarten unschuldigen lieben, fast immer braven Engel, seinen Untertanen Kommandos zubrüllen. Was für ein Organ! Opernsänger! Er wird Opernsänger.
Stolz, fast den Tränen nahe vor Glücksgefühl, trete ich ein in sein Reich. Ich durchschreite den Garten, genieße die laue Sommerluft, als ein merkwürdiger Zug von seltsamen Wesen an mir vorbeizieht. Vorneweg mein Augapfel. Natürlich, aber, in seiner süßen zarten niedlichen Hand ein Monstrum von Stock, welchen er wild schwingend über seinem Haupte hin und her fuchtelt und dabei brüllt: "Ich bin der Chef! Alles mir nach!" Hinter ihm kriechen über den sandigen Boden mindestens acht kleine Menschlein, die jaulend und grunzend auf ihren geschundenen Knien entlang rutschen. Dompteur! Er wird Dompteur!
Stolz bleibe ich aufrecht stehen, winke strahlend dieser sensationellen Vorstellung zu, und als alle an mir vorbeigezogen sind, bemerke ich: Er hat mich nicht einmal gegrüßt. Keines Blickes hat er mich gewürdigt. Wie ein begossener Pudel stehe ich da. Von links heranschleichend, sehr nachdenklich, mit tief ernsten Augen, schlurft der Erzieher Alexander direkt auf mich zu. Dieser "Es gibt da ein Problem-Blick" kann einfach nicht mir gelten. Versuche also weiterhin tapfer, meine angekratzte Dompteursmutterwürde zu verarbeiten und blicke in die endlose Ferne. Plötzlich steht er vor mir, raunt in leiser, tief melancholischer Weise: "Wussten Sie schon, dass er lügt, ohne mit der Wimper zu zucken?" Kein Dompteur. Auch kein Opernsänger. Lügen??? Danach kommt Stehlen, Drogen, Morden, Gefängnis, lebenslange Haft. Gescheitert. Ausgestoßen aus der Gesellschaft. Versagt! Ich habe versagt. Oder - vielleicht doch der Göttergatte? Natürlich.
Abends gedämpfte Familienatmosphäre. Dann und wann wage ich einen scheuen Blick in Richtung Göttergatte. Hoch erhobenen Hauptes sitzt dieser an der Tafel, sein von tiefem Schmerz erfüllter Blick gerichtet in die düstere Ferne. Zufrieden schmatzend an seinem Platze, nichts ahnend, unser Kronjuwel. Frisch geschrubbt aus der Badewanne, sitzt er mit seinen zerzausten Haaren da, erzählt all seine Geschichten und meint am Schluss: Er habe uns lieb. Ganz furchtbar doll. Es zerreißt mich. Stumm nicke ich ihm zu, der Göttergatte wischt verstohlen ein Tränchen beiseite. Unter großem andachtsvollem Schweigen geleiten wir den Prinzen zu seiner Sänfte, nachdem er, erstaunlicherweise, ohne ermüdende Diskussion, das Für und Wider des Zähneputzens auszutragen, um ihn in sein Reich der Träume zu bringen. Nun beginnt der für uns schwere Gang, eine ernsthafte Erziehungsmaßnahme vorsichtig anzugehen. Alle drei liegen wir im Bett. Er in der Mitte. Natürlich. Er hält uns gönnerhaft in seinen Ärmchen, grunzt zufrieden und ist bereit, schwebend ins Land der Träume hinüber zu gleiten. Wir starren ihn hilflos an. Dann räuspert sich der Göttergatte, wirft einige ernsthafte Falten auf die Stirn, und im tiefen sonoren Bass traut er sich, unserem Thronfolger die Ernsthaftigkeit seines jungen Lebens zu offenbaren. "Sag mal, kleiner Mann, der Herr Forkel sagt, du lügst, ohne mit der Wimper zu zucken." Tiefes entsetztes Schweigen. Groß und nachdenklich blicken die Kinderaugen an die Decke. Vorsichtig zeichnet sich eine winzige Falte auf seiner hellen Stirn ab. Die ganze ewige Last unserer Welt spiegelt sich in seinem zarten Gesicht wider. Philosoph! Er wird Philosoph!!
Ich wage kaum zu atmen. Ehrfürchtig begebe ich mich zu seinen Füßen, beobachte seine Reue, das In-sich-Kehren, das Einswerden mit Gott und der Erde, das mystische Verschmelzen dieses kleinen Wesens mit der göttlichen Sphäre, das dem Himmel noch viel näher scheint als jeder Erwachsene. Er öffnet seinen wunderschönen Mund, blickt seinen Erzeuger nachdenklich an und fragt sehr trocken: "Welche Wimper?" Ich beiß in die Decke. Standhaft versucht der Göttergatte, ihm den Sinn des neunten Gebotes nahe zu legen, ich spüre jedoch, wie er arg mit einem hysterischen Lachanfall zu kämpfen hat. Als ich wieder aufblicke, ist mein Sohn ernsthaft damit beschäftigt, die Wimpern seines rechten Auges so zu biegen, dass er sie genauestens betrachten kann. Auf der Suche nach der zuckenden Wimper. Am nächsten Morgen heiteres Familienfrühstück. Wohlwollend ruhen die Augen des Göttergatten auf seinem Stammhalter, mein Herz hüpft, durchflutet von Glückshormonen, sobald ich in seine strahlenden Augen blicke. Bei genauer Betrachtung bilde ich mir ein, dass einige Wimpern fehlen. Aber mein Sohn meint, er könne sich damit viele Wünsche durch das symbolische Wegpusten erfüllen. Äh... natürlich.
Großer Aufbruch, allgemeine morgendliche Routine. Als der Wirbelwind schon draußen im Flur ist, ruf ich noch ein: "Hast du auch die Zähne geputzt?" hinterher. Ein brüllendes "Na klar!" ist die Antwort. Vorsichtig schleiche ich ins Badezimmer, nehme die bunte Zahnbürste in die Hand und begutachte sie etwas genauer. Hart. Steinhart. Ich könnte damit einen Nagel in die Wand einkloppen. Ich gehe nach draußen, keck blickt mich der Bengel von unten an und grinst. Seufzend sage ich: "Wir werden wohl noch viel Spaß mit dir haben." Offen und klar wie das weite Meer betrachten mich seine Augen voll Liebe und kindlicher Weisheit: "Das glaube ich auch!", ist seine allwissende Antwort. Lausebengel. Einen gesunden tollen Lausebengel habe ich, mit all seinen Tricks und Raffinessen. Natürlich!